Südafrika

Mein letztes Wochenende in Indien war von interkulturellen Festivitäten gekennzeichnet. Los ging es am Donnerstag mit dem irischen St. Patrick’s Day, gefolgt von einer amerikanischen Mardi-Gras-Party und abgeschlossen mit Holi, dem indischen Fest der Farben. Holi wird gespielt, mal freiwillig, mal unfreiwillig. Dabei saut man sich dabei gegenseitig mit bunten Farben ein und die Stadt ist schon Tage vorher voller bunter Menschen, die ihrem Alltagsgeschäft nachgehen.

Holi habe ich zweimal gespielt, einmal an meinem letzten Arbeitstag auf dem Dach des Gebäudes, ein zweites Mal beim “Holi Cow Festival” am Sonntag direkt vor meiner abreise. Beide Male gefolgt von einer laaaangen Dusche, selbst dann gehen nicht alle Farben ab.

6 kurze Tage war ich zu Hause, jetzt bin ich bei meiner vorerst letzten Station angekommen. In Südafrika.

Hier wohne ich am Stadtrand in der Deutschen Schule mit Lehrämtlern und Weltwärtslern. So wohne ich in Deutschland, arbeite in Deutschland, sogar ein deutscher Bäcker, ein deutscher Metzger und eine deutsche Autowerkstatt sind in der Nähe. Nach einem halben Jahr in Afrika und Asien ist es schön wieder in der Heimat zu sein. Vor dem Kontakt mit Einheimischen schützt mich zu Hause und bei der Arbeit ein hoher Zaun und eine Security-Mannschaft.

Mein erster Eindruck von Pretoria war, dass es aussieht wie eine Stadt in Amerika. Große Malls, breite Straßen, eine Autostadt. Ohne ein Auto verlässt man das Haus nicht. Dem entsprechend habe ich mir hier auch ein Auto gemietet. Es ist alt genug um selber Auto fahren zu dürfen. Es ist noch “Made in W. Germany”.

Die Orientierung in der Millionenstadt ist dank Schachbrett-Stadtplan vergleichsweise einfach. Trotzdem bin ich froh ein Navi mitgemietet zu haben. Bei der Bedienung muss man aber aufpassen. Gleich ausgesprochene Straßennamen gibt es mit unterschiedlichen Schreibweisen mehrfach. So bin ich letztens statt zu den Leuten die ich besuchen wollte ins Township Mamelodi gefahren.

Das ist an sich zwar kein Problem, wir waren vorher schon in einer Kneipe dort gewesen, aber alleine wollte ich das dann doch vermeiden. Unter dem Begriff “Township” konnte ich mir bis dahin nicht viel vorstellen. Dem Ruf nach ist das ein dunkler Fleck auf der Landkarte und wenn man dem zu nahe kommt wird man automatisch ausgeraubt, vergewaltigt und dann ermordet. Es sind Gegenden, die – nachdem was ich bisher gesehen habe, und das ist noch nicht viel – fast ausschließlich aus Baracken bestehen, häufig aus Blech, Strom ist dort keine Selbstverständlichkeit und Abwasser sowieso nicht.

Erst in den Townships kriegt man eine Ahnung von dem Problemen in diesem Land. Wie gesagt, der Eindruck der ersten Tage erinnerte mich an das reiche Land USA. Was sollte ich also hier? Ich war doch gekommen um in die Entwicklungszusammenarbeit einzusteigen. Aber das ist das krasse an diesem Land. Viel mehr noch als in Indien gibt es hier Ungleichheit (Für die Experten: Der Gini-Koeffizient für Einkommen liegt bei 0,65! Das ist enorm, in Sachen Ungleichheit wird Südafrika damit nur von Namibia geschlagen und lässt Länder wie Mexiko, Indien oder China weit hinter sich). 43% der Bevölkerung leben unter der absoluten Armutsgrenze. Während man in Indien nicht vor die Tür gehen kann ohne mit bitterer Armut konfrontiert zu werden, kann man hier sehr gut in seiner eigenen reichen Welt leben, gewisse Stadtviertel meiden und so von den Problemen nichts mitbekommen.

Es gibt also doch einiges zu tun hier. So bin ich dann am Freitag zum ersten Mal in die Botschaft gefahren und stand ich dann gleich am ersten Tag mit rauchendem Motor in der Sicherheitsschleuse. Inzwischen habe ich ein anderes Auto, genauso alt aber mit halb so viel Kilometern auf der Uhr und mit Automatik, sodass die Gangschaltung keine Zicken mehr machen kann. Dafür springt aber auch dieser Wagen machmal nachts auf dunklen Parkplätzen nicht an und wackelt bei 120 so sehr, dass man sich freiwillig an die Geschwindigkeitsbegrenzung hält, weil man sich garnicht traut schneller zu fahren.

Jetzt arbeite ich also in einer hierarchischen Welt voller ausgedruckter Emails. Und weil wir hier Politik machen hat das viel mit Lesen zu tun. Viel verstehe ich noch nicht, weil alles auf einem ziemlich abstrakten Niveau besprochen wird und sehr komplex ist, allein schon wegen den vielen Beteiligten Organisationen. Inzwischen hatte ich Meetings mit der GIZ, der KfW und war bei der EU-Kommission. Für die anstehenden Kommunalwahlen habe ich auch schon etwas zu tun und werde internationaler Wahlbeobachter.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Punjab, Piraten und Pakistan

Es ist an der Zeit für zwei Korrekturen eines meiner früheren Blogeinträge. Zum ersten, meine Nachbarsfamilie wohnt nicht neben mir. Sie lebte dort nur übergangsweise während eines kleineren Bauprojekts in der Nachbarschaft. Es ist aber anzunehmen, dass ihr richtiges zu Hause nicht wesentlich besser ist. Zum zweiten, der gezeigte Pirat ist gar kein Pirat!

Er ist ein Sikh, der wie alle Sikhs einem Piraten zum verwechseln aehnlich sieht. Sihkismus kannte ich auch nicht bevor ich hierher gekommen bin. Das ist eine große Religion (mit mehr Anhängern als z.B. das Judentum) die vor allem in Punjab, im Nordwesten Indiens, eine große Sache ist und dort auch ihr Zentrum, den Goldenen Tempel, hat.

Das Tempelgelände darf man nicht ohne Kopfbedeckung betreten, die die Sikhs in Form eines Turbans immer tragen, wohl auch um mit ihren Haaren irgendwie klarzukommen. Die schneiden sie nämlich nicht. Angesichts der Wasserarmut in manchen Regionen, wie zum Beispiel dem benachbarten Wüstenstaat Rajasthan, stellt sich die Frage, wie das hygienisch gehandhabt werden kann. Unter dem ein oder anderen Turban dürfte sich ein schützenswertes Ökosystem befinden. Zur Ausstattung gehört auch ein Amreif als angedeutete Rüstung und ein Säbel, das ursprünglich der Selbstverteidigung dienen sollte und heute ein wichtiges Accessoire ist.

Anders als in anderen indischen Kulturen, wo der Familienname und zum Teil auch die Kaste noch eine grosse Rolle spielt, ist im Sikhismus Gleichheit wichtig – sogar die der Frauen! Sikhs haben häufig die gleichen Nachnamen wie zum Beispiel Singh und im Tempel wird gratis Übernachtung und Essen gestellt, sodass jeder am gleichen Tisch sitzt, unabhängig von Herkunft und sozialem Status. Bei dem großen Andrang am Tempel legt das Küchenpersonal eine beeindruckende Performance hin (Video).

Der Legende nach gab es während eines Kampfes der Sikh gegen eine afghanische Armee um den Goldenen Tempel einen interessanten Zwischenfall. Der Anführer der Sikh wurde im Laufe des Kampfes geköpft, kämpfte aber mit seinem Kopf in der Hand weiter. Die Geschichte kommt einem bekannt vor, wenn man schonmal von Klaus Störtebecker gehört hat. Wir sind also doch beim Thema Piraten!

Der Goldene Tempel befindet sich in Amritsar, einem Ort der durch diverse Masaker bekannt ist und ganz in der Nähe von Pakistan liegt. Auf halber Strecke zwischen Amritsar und Lahore spielt sich jeden Tag ein interessantes Schauspiel ab. Was dort bei der Grenzzeremonie genau passiert ist mir immernoch unklar, es hat auf jeden Fall etwas mit viel Ruferei und dem Einholen der Fahnen an der Grenze zu tun, ein Youtubevideo spricht von Wachablösung. Auf beiden Seiten der Grenze sind Stadien aufgebaut, allerdings so, dass man das jeweils andere Land nicht wirklich gut sehen kann, im Fokus steht die Militärshow der Inder (jedenfalls auf meiner Seite der Grenze) die mit einen großen Auftritt hinlegen während die Grenztore kurz geöffnet werden und die Menschenmengen auf beiden Seiten der Grenze Pakistan und “Hindustan” anfeuern.

Bevor es losging tanzten auf indischer Seite demonstrativ Frauen auf der Straße, während auf pakistanischer Seite Kopftuch angesagt war.

Auf dem Satelitenfoto auf dem man das Stadion sieht habe ich die Grenze selber eingezeichnet, weil sie mir Google Maps an einem anderen Ort angezeigt hat. Durchaus ein riskanter Fehler in einer instabilen Region. Immerhin wäre es ja nicht das erste Mal, dass Google so einen militärischen Konflikt erzeugt.

Hier noch ein paar Fotos, falls es noch eines Beweises bedarf, dass dieses Land heftig überbevölkert ist.

Nachdem ich mich hier jetzt eingelebt habe, gehts auch schon bald wieder weiter.
Der Countdown läuft:
In 13 Tagen bin ich zu Hause
In 20 Tagen bin ich in Südafrika
In 184 Tagen bin ich in Irland

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Opium fürs Volk

Am letzten Wochenende ging es mit drei meiner Mitbewohner mit einer vierzehnstuendigen Zugfahrt nach Varanasi. Die Zugfahrt war sehr angenehm und alleine schon ein Erlebnis. Wo sonst kann man in einer offenen Zugtuere sitzen, die Beine baumeln lassen und bei einem Tee die Welt an sich vorbeiziehen lassen?


Als wir schließlich ankamen ließen wir uns von jemandem vom Hostel am Bahnhof abholen. Als der uns nach einer Fahrt in einer Motorrickscha einige minutenlang durch enge Gassen führte und ständig in andere dunkle Gassen abbog wurde er mir suspekt. Wohin führte uns dieser Mann? Wir kamen aber schließlich wohlbehalten in unserer Herberge an. Denn tatsächlich besteht die Altstadt von Varanasi ausschließlich aus diesen Gassen, die man nur im Gänsemarsch passieren kann. Motorradfahrer schaffen es dort aber natürlich immernoch zu fahren und die Fußgänger durch Hupen für ihre Dreistigkeit im Weg zu sein zurechtzuweisen.


Varanasi ist eine sehr alte Stadt der man ansieht, dass sie mal sehr wohlhabend war, und soetwas wie der Vatikan des Hinduismus. Nur das komplette Gegenteil. Statt großer sauberer Plätze gibt es die erwähnten dunklen Gassen und überall Müll, der die vielen Kühe und Affen ernährt. Dass diese Tiere zum Straßenbild gehören, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Überrascht war ich als mir dort eine Katze über den Weg lief. An jeder Ecke in den Gassen gibt es Altäre und kleine Tempel an denen Menschen die schon durch Kleidung und Schminke ihre Religiösität zur Schau stellen, dies noch durch intensives Glockenleuten unterstreichen. Überall brennen Räucherstäbchen deren Geruch, vermischt dem von Kuhdung und Müll, durch alle Gassen strömt und mit zu der eigenartigen Atmosphäre der Stadt beiträgt. Wem diese spirituelle Umgebung noch nicht ausreicht kann an jeder Ecke Bewusstseinserweiterungen aller Art erwerben. Marx lag falsch, Religion ist nicht das Opium des Volks, vielmehr lassen sich diese Dinge wohl gut miteinander kombinieren.


Obwohl er am Stadtrand liegt, ist das Zentrum der Stadt zweifellos der Ganges. Entlang dessen gibt es die Treppen, die jeder schonmal gesehen hat wo Hindus hinabsteigen um sich rituell zu reinigen. Ich habe beschlossen mich diesem Aspekt der indischen Kultur zu verschließen, nachdem ich mir mit etwas Planscherei im Nil schonmal einen Bluttest eingehandelt hatte. Der Ganges gehört zu den Gewässern, bei denen man nach dem Waschen dreckiger ist als vorher. Aber schließlich ist die spirituelle Reinigung entscheidend, die man sich bei einer Feuerbestattung am Flussufer auch Postum sichern kann. Und dafür, dass der Fluss seine reinigende Wirkung in diesem Bereich nicht verliert sorgt allabendlich eine ausgedehnte Zeremonie, die selbstverständlich nicht ohne Unmengen an Weihrauch und Glockenleuten auskommt.




Posted in Uncategorized | Leave a comment

Delhi A-Z

Hier ein paar Updates Die kalten Tage sind mittlerweile endgültig überstanden und inzwischen haben die Temperaturen ein sehr angenehmes Niveau erreicht, bei dem auch nachts häufig T-Shirt-Wetter herrscht. Zeit unsere Dachterrasse ordentlich zu nutzen

Auf dem linken Foto ist übrigens Lucy. Sie ist unsere neue Mitbewohnerin. Sie hat eine ganze Weile hinter unserem Haus gewohnt und hat auf unserem Dach ein neues zu Hause gefunden.

Bei der Arbeit habe ich einen großen Fortschritt erreicht und sitze nun in dem Teil des Büros der große Fenster mit Blick nach draußen und Tageslicht hat. Ich habe jemanden gefunden der in Erwartung des Sommers mit Temperaturen von bis zu 45°C in den schattigen Teil des Büros wechseln wollte. Das Büro ist klimatisiert, aber es macht wohl schon einen Unterschied, vor allen Dingen, wenn sich im Sommer durch die Klimaanlagen die Stromausfälle häufen und länger dauern als unter einer halben Minute, wie das jetzt der Fall ist.

Dieses Bild ist aus einem Buch, dass eine meiner neuen Sitznachbarn erstellt hat um damit zu erklären wie man sich vor Infektionskrankheiten schützt. Die Texte dazu sind in Hindi geschrieben und es zu lesen ist wie damals als ich 5 war und mir anhand der Bilder in einem Buch mir die Geschichten selber ausgedacht habe.

Hier einfach mal ein paar Stichwörter in den Raum gestellt:

Verhandeln
Verhandeln ist das anstrengendste in Entwicklungsländern und für mich auch schonmal ein Grund etwas nicht zu kaufen, dass ich bei Fixpreisen bestimmt gekauft hätte. Vieleicht haben sich deshalb feste Preise an recht vielen Orten in Delhi durchgesetzt. Wirklich nötig ist das Handeln nur beim Transport mit den Motorrickschas, die hier “Autos” genannt werden. Die Preise dabei variieren dramatisch je nach eigener Laune und der Laune des Fahrers. Gerade wenn man nachts fährt, ist sehr wenig auf Delhis Straßen los und die Taxifahrer wissen genau wann sie den Monopolpreis durchsetzen können.

Importware
Beim Einkaufen stößt man hin und wieder auf Produkte, die nur auf deutsch beschriftet sind. Während das bei Duschgel (jedenfalls für mich) kein Problem darstellt, muss man beim Aldi-Käse genauer hinschauen. Auf indischen Produkten steht nämlich immer das Herstellungsdatum. Dass der Käse schon seit September abgelaufen ist, erfährt nur wer deutsch spricht.

Gehwege
Gehwege sind überbewertet. Es gibt selten längere Strecken entlang Gehwegen, soweit überhaupt vorhanden, die nicht zugeparkt, zugebaut, zugewachsen, bewohnt oder anders blockiert sind. Fußgänger teilen sich deshalb den schmalen Pfad zwischen der Fahrspur und den parkenden Autos mit drängelnden Motorradfahrern (die auch gerne passierbare Gehwege kräftig hupend als Überholspur nutzen)

Socken
Eigentlich sind wir Deutschen ja dafür bekannt, mit Socken in Sandalen herumzulaufen. Die Inder schlagen uns aber in dieser Disziplin locker. Sie tragen sogar extra Flipflop-Socken, die so genäht sind, dass man auch im Winter mit Flipflops herumlaufen kann. Was Bürokratie angeht stehen uns die Inder übrigens auch in nichts nach.

Bier
Weder gut, noch billig und nur erhältlich in lizenzierten Schnappsläden. Einen halben Liter gibts dort für knapp einen Euro. In einem teureren Restaurant zahlt man für besseres Importbier schonmal das achtfache für ein Glas, wenn man nicht aufpasst. Erst heute habe ich erfahren, dass das Alter in dem man Alkohol kaufen kann hier bei 25 Jahren liegt.

Wechselgeld
In Supermarktkassen befindet sich hier nicht nur Geld, sondern immer auch eine Süßigkeit, meistens Kaugummis. Wenn Gold zu Rekordpreisen gehandelt wird, muss man sich wohl eine Alternative dazu als krisensichere Wertanlage suchen. Tatsächlich fungieren die Kaugummis als Zahlungsmittel. Da die Kassen einen chronischen Mangel an kleinen Rupienmünzen haben erhält man stattdessen Kaugummis. Seinen Einkauf mit Kaugummis zu bezahlen geht aber leider nicht.

Züge
Züge sind ein angenehmes Transportmittel, wenn man weiß wie man an Tickets kommt. Bei unserer Fahrt zum Taj Mahal nach Agra haben wir zwei Stunden gebraucht in denen wir von Schalter zu Schalter geschickt wurden um schließlich Fahrkarten zu bekommen. Das Buchen im Internet ist wesentlich einfacher und länger im Voraus nötig, da die Züge grundsätzlich stark ausgelastet sind. Dabei sind sie ähnlich teuer wie eine Busfahrt, ein wenig schneller und geben wesentlich mehr Beinfreiheit bis hin dazu dass man jeweils drei Sitze zu einem dreistöckigen Bett umbauen kann.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Mikroversicherungen

Neben dem Erkunden der großen weiten Welt ist ein Zweck meiner Reise nach Indien die Arbeit bei einer NGO. Sie ist im Micro Finance Sektor tätig. Obwohl dieser Begriff meist synonym mit Mikrokrediten verwendet wird, sind Mikroversicherungen etwas anderes. Für meine Organisation ist das Ziel allen Menschen die Möglichkeit zur Krankenversicherung zu geben.

Die Micro Insurance Academy ist mit seinen drei Jahren eine junge Organisation, forscht viel, aber hat erst wenige Praxis-Projekte gestartet (es kommen aber im Moment mehrere neue dazu). Und so gelingt es auch einem Neuling wie mir, der sich zum ersten Mal den Business Process durchgelesen hat, Fragen zu stellen, für die es noch keine Antworten gibt. Das ist eine völlig andere Situation als damals bei der Grameen Bank, wo nach Jahrzehnten Erfahrung schon für jeden Sonderfall ein etliche Male getestetes Verfahren existierte. Zum Beispiel gibt es noch kein Mechanismus, wie mit Versicherungsbetrug umgegangen wird. Bisher ist die “Höchststrafe” die Zurückweisung eines Antrags, sodass es ein Versicherungsnehmer einfach mal drauf ankommen lassen kann. Dieses Problem ist bisher aber einfach noch nicht aufgetreten und deshalb gibt es noch keine Lösung dafür (inwieweit der Straftatbestand des Versicherungsbetruges überall existiert und durchgesetzt werden kann, weiß ich nicht). Erfahrungen von anderen Organisationen sind auch rar. Mikroversicherungen, gerade Krankenversicherungen, sind ein neues Gebiet. Ein Punkt, bei dem ich von der Realität etwas desillusioniert wurde, ist, dass das mit der Krankenversicherung auch für die ärmsten der Armen so nicht stimmt.

Das System funktioniert so: Eine bereits existierende Gruppe die bei einer Partner-NGO organisiert ist, wird zu einer sogenannten Community Based Health Insurance (CBHI) gemacht. In einer Feldstudie wird der Versicherungsbedarf der Gemeinschaft ermittelt, also häufig auftretende Krankheiten, etc. und daraus werden verschiedene Versicherungspakete gebastelt, mit verschiedenen Leistungen und Beiträgen. Alle Teilnehmer suchen sich den bevorzugten Tarif aus, übernehmen – um den Verwaltungsaufwand so gering wie möglich zu halten – am Ende alle das selbe, meistgewollte Paket. Jeder Versicherungsnehmer muss alle seine Haushaltsmitglieder mitversichern. Die Kosten für die Versicherungen liegen meistens zwischen rund 200 bis 300 Rupien pro Kopf und pro Jahr. Das deckt dann je nach Paket Arztbesuche, verschriebene Medikamente, Krankenhausaufenthalte, Transportkosten und Einnahmeausfälle jeweils bis zu einer gewissen höhe ab.

Die Versicherung funktioniert nur, wenn sich die Gruppe nicht extra für die Versicherung gebildet hat und sich alle ihre Mitglieder und Haushaltsmitglieder versichern. So beugt man dem vor, was der Volkswirt Adverse Selektion nennt. Es muss sichergestellt werden, dass die Anzahl vermutlich gesunder Versicherter im Gleichgewicht mit der Anzahl potentiell kranker Versicherter ist. So kann sichergestellt werden, dass sich jeder versichern kann und jeder den gleichen Beitrag zahlt, unabhängig von Alter oder Gesundheitszustand.

Und da sind wir bei dem oben angesprochenen Problem: Jeder zahlt den gleichen Beitrag. Durch niedrige Administrationskosten und eher einfache Leistungen ist der Beitrag niedrig und so für die Armen bezahlbar. Für die ärmsten der Armen gilt aber, dass der Pro-Kopf-Beitrag die Möglichkeiten noch übersteigen kann, wenn sie in einer vergleichsweise wohlhabenden Gruppe organisiert sind, die ein teureres Paket auswählt. So kann es sein, dass die Versicherung die für die Armen konzipiert ist, für manche immernoch zu teuer ist. Eine Lösung für dieses Problem gibt es momentan einfach noch nicht. In einem Land in dem kaum einer einen Gehaltszettel erhält, sind weder prozentuale Versicherungsbeiträge denkbar, noch ist es möglich die Zahlungsunfähigen von den Zahlungsunwilligen objektiv zu unterscheiden.

Dennoch halte ich das System für gut. Denn bei Mittellosen führt eine Krankheit schnell zu Einkommensausfall, Ausgabe von Erspartem, Verschuldung, Abhängigkeiten und schließlich zu verstärkter Armut. Eine Krankenversicherung schützt davor, indem sie Gesundheitsausgaben kalkulierbar macht und niedrig hält.

Neben den theoretischen Problemen gibt es auch viele praktische Probleme an denen MIA arbeitet. Es besteht zum Beispiel ein großes Problem zu erklären, warum Leute für etwas bezahlen sollen, was sie vielleicht gar nicht benötigen. Einige Sprachen haben nichteinmal ein Wort für Versicherung. Ein anderes Problem ist die Verfügbarkeit von günstigen Medikamenten. Eine Krankenversicherung nützt nichts, wenn keine Medikamente verfügbar sind. Im Moment ist ein Projekt in Arbeit, bei dem Pfizer Medikamente unter Marktpreis zur Verfügung stellt. Auch eine Erweiterung des Angebots auf Agrarversicherungen ist in Planung.

Was ich bei der ganzen Sache Tag für Tag mache, hat mit dem Management Information System zu tun. Das IT-Zeitalter ist soweit fortgeschritten, dass man auch bei Arbeit in entlegenen Dörfern in Indien und Nepal davon ausgehen kann, in vertretbarer Entfernung einen Internetzugang zu haben. Und so werden alle versicherungsrelevanten Informationen von allen einzelnen Mikroversicherungen über das Web erfasst und in einer zentralen Datenbank gespeichert. Diese Datenbank wurde nicht für uns konstruiert, sondern nur angepasst, ist schlecht bis gar nicht dokumentiert. Sie sieht aus wie sau.

Ich arbeite also daran, eine eigene – bessere – Datenstruktur aufzubauen, die entsprechenden Datensätze in der bestehenden Datenbank zu finden und automatisch zu überführen. Unsere Versicherungsmathematiker können sich dann da reinstürzen und hoffentlich erhellende Erkenntnisse erlangen, zum Beispiel um bessere Versicherungspakete zu schnüren. Obwohl ich formal “nur” Praktikant bin, bin ich im Büro unter denjenigen, die sich mit Datenbanken am besten auskennen und arbeite an etwas, das sehr wichtig ist. Und auch wenn es nicht intuitiv ist, das Zeichnen von mit Linien verbundenen Vierecken (das ist es was ich tue) kann – und wie ich hoffe wird – die Lebenssituation vieler Menschen verbessern.


Update

Zwei Links zum weiterlesen:
Global Post (englisch)
Die Zeit

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Freitage und Feiertage

Religion spielt in Indien eine große Rolle. Wo man auch hinsieht sieht man Tempel, häufig begegnet man religiösen Prozessionen und die Ganesh-Statuen sind überall. Da es nicht nur sehr fremde Religionen sind, sondern es davon auch noch so viele gibt, dass selbst Einheimische zu einer vorbeiziehenden Prozession nicht mehr sagen können als “Da geht es wohl um irgendeinen Guru”, habe ich sie noch nicht annähernd durchschaut und schreibe dazu nicht mehr als ein Zitat einer Arbeitskollegin:

Morgen bin ich übrigens nicht im Büro. Da habe ich einen religiösen Feiertag. Ich weiß zwar nicht von welcher Religion, aber es ist ein Freitag




Posted in Uncategorized | Leave a comment

Arm und Reich

Es ist unglaublich, wie dicht hier arm und reich nebeneinanderliegen. Die offizielle indische Armutsgrenze in Städten liegt bei 538,60 Rupien im Monat. In manchen Restaurants kostet ein Glas Bier kaum weniger.

Ich wohne hier in einer Villa. Das Wohnzimmer alleine geht über zwei Stockwerke, es gibt zwei Küchen, etliche Balkone, eine Dachterrasse und so viele Schlafzimmer, dass ich den Überblick über deren Anzahl verloren habe – jeweils mit eigenem Badezimmer. Wir haben Wach-, Putz- und Kochpersonal. Inzwischen hat sich auch die Anzahl meiner Mitbewohner erhöht, zu meinem britischen Vermieter sind jetzt noch vier Nordamerikaner dazugekommen. Wir sind also ein Haufen Ausländer der nur mit anderen Ausländern zusammen wohnt, der kein Wort Hindi spricht und der indischen Kultur mit großen fragenden Augen gegenübersteht. Wir sind das, was man in Deutschland als Integrationsverweigerer bezeichnet, aber hier nennt man das Expats. Das klingt nicht so negativ.

Dass dieses Leben in meiner Villa nicht normal ist, daran erinnert mich morgens beim Zähneputzen ein Blick sein aus dem Fenster. Dort kauert meine Nachbarin unter einer zu dünnen Decke und tut das gleiche auf freiem Feld, dort wo sich auch ihre improvisierte Küche befindet. Arm und reich sind unmittelbar nebeneinander.

Trotz dieser Nachbarschaft weiß ich nicht was ich für diese Frau tun kann. Klar, ich kann ihr einen Bündel Rupienscheine geben. Aber ob das ihr länger als eine Woche hilft ist fraglich, ob sie es mehr verdient als all die anderen Armen genauso. Das erzeugt ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Dieses Gefühl motiviert für meine Arbeit, die ich für ein Taschengeld und ein Mittagessen in einer NGO verrichte, die versucht Krankenversicherungen für alle verfügbar zu machen und damit den armen Menschen zu helfen.

Ein anderes Beispiel für die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist Old Delhi. Das ist die Altstadt von Neu Delhi (genau genommen also Old New Delhi), die sich grundlegend von Süddelhi (wo ich wohne) unterscheidet.

Dieser Stadtteil ist sichtlich ärmer, der Verkehr lebensgefährlich, alle paar hundert Meter steht ein großes Tor und man braucht sich nicht zu wundern dort einem berittenen Esel, einem Elefanten oder auch einem Piraten zu begegnen.

In diesem Stadtteil liegt ein schöner kleiner Park. Es ist der Ort an dem Mahatma Gandhi eingeäschert wurde. Nachdem ich in Uganda an der Quelle des Weißen Nils schon einen seiner Bestattungsorte gesehen habe, besuche ich jetzt wohl die Stationen seines Werdegangs in umgekehrter Reihenfolge.

Von diesem Park muss man nicht weit gehen um mitten in Old Delhi zu sein. Dort ist die Armut sichtbarer als in allen anderen Stadtteilen, die ich bisher gesehen habe. Dort gehört es zum Straßenbild, dass Leute, die buchstäblich nicht mehr haben als die Kleidung die sie tragen, auf dem Steinboden liegen und schlafen. Es ist ein bedrückender Anblick. Vor allen Dingen weil manche von ihnen, das konnte man sehen, nicht wieder aufwachen werden.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Wohnen und Arbeiten

Inzwischen habe ich eine Unterkunft gefunden und wohne jetzt in einer Villa, die sich ein Brite gemietet hat und direkt neben einem Park liegt. Sie ist noch nicht fertig eingerichtet, aber dafür wohne ich zunächst mietfrei hier. Mein Zimmer ist das mit Balkon direkt über dem Eingang.

Wenn man durch den Park geht, über eine breite, vielbefahrene Straße ohne Fußgängerampel froggert und gleich in den nächsten, sehr großen Park geht ist dort der berühmte Lotustempel der Baha’i.

Nur einige Minuten von meinem neuen zu Hause entfernt ist mein neues Büro, das von innen deutlich besser aussieht als von außen.

Bei der NGO Micro Insurance Academy sitzen etwa 40 Leute und arbeiten daran Mikroversicherungen, insbesondere Krankenversicherungen, aufzubauen und den Bereich zu erforschen. Überwiegend Inder, aber auch Europäer und Amerikaner sitzen dort und sind alle sehr nett. Stören tut mich allerdings, dass es im Großteil des Büros keine Fenster gibt, man kriegt von der Außenwelt nichts mit und bei einem Stromausfall ist es stockduster (der dauert nur ein paar sekunden), da ist leider auch das tolle indische Essen mittags nur ein schwacher Trost. Die IT-Leute mit denen ich eigentlich arbeiten sollte, haben im Moment – so mein Eindruck – selbst kaum etwas zu tun, nachdem sie sich in den letzten Wochen selbst Arbeit geschaffen haben indem sie kurz nach der Linuxmigration ihres Vorgängers wieder komplett auf Microsoftprodukte umgestiegen sind. Eher zufällig bin ich jetzt an ein Datenbankprojekt bei einem anderen Team gekommen, weil ich beim Mittagessen erwähnt habe, dass mich das interessiert und ich darüber meine Bachelorarbeit geschrieben habe. Das ist etwas das mir Spaß machen wird.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Erste Eindrücke in Bildern

Ohne viele weitere Kommentare eine visuelle Ergänzung zu meinem letzten Eintrag


Dieses Tor hatte ich – etwas enttäuscht – schon im verdacht India Gate zu sein

Das ist der Verkehr da rundherum

Nur drei Metrostation weiter sieht der plötzlich völlig anders aus

Und am Ende einer langen breiten Paradestraße steht dann das echte India Gate, was schon gut was hermacht

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Erste Eindrücke aus Delhi

Zweieinhalb Tage bin ich jetzt in Delhi. Auf dem Hinflug den ich mit einem Tag verspätung antrat, weil die moskauer Flughäfen geschlossen waren und ich auf einen Direktflug umgebucht worden bin, wurde ich kurz nach dem ich es mir gerade auf meinem Sitz gemütlich gemacht hatte von einem man angesprochen, ob es mir denn etwas ausmachen würde, weiter vorne zu sitzen. Bevor ich den Mann zurechtweisen konnte, was ihm denn einfiel mich von meinem Platz zu vertreiben, fiel mein Blick auf die kleine Sitzreihennummer und ich sah die Möglichkeit ein jahrelang vor mir gut gehütetes Geheimnis zu lüften. Denn seit ich fliege, sitze ich immer hinten in der Economy Klasse, starre auf den zugezogenen Vorhang zur Business Klasse und frage mich, was denn so tolles geheimnisvolles auf der anderen Seite des Vorhangs passiert, dass man es mit einem Vorhang vor den Blicken anderer schützen muss. Jetzt weiß ich es aus erster Hand. Dort sitzen Menschen, starren auf den zugezogenen Vorhang zur First Class und fragen sich, was denn dort so tolles geheimnisvolles passiert, dass man es mit einem Vorhang vor den Blicken anderer schützen muss.

So jetzt bin ich in Delhi. Erste Eindrücke: Ui, viele!

Am Auffälligsten: Es ist Kalt! Hier ist auch Winter. Dabei bin ich doch extra hierhergekommen um dem deutschen Winter zu entfliehen. Aber hier fällt das Thermometer auf 9°C nachts, was in meinem Hostelzimmer ohne Glasscheiben in den Fenstern echt kalt ist, sodass ich mit Pulli, Jeans und einer Decke schlafe. Sieht aber im Moment so aus, als kann ich am Samstag schon umziehen.

Die Stadt erinnert mich vom Erscheinungsbild an Dhaka, nur viel wohlhabender mit besseren Autos und internationalen Restaurantketten. Es gibt auch hier Rickschas, CNGs (die Motor-Rickshas), die Leute sehen ähnlich aus, aber der Verkehr verläuft vergleichsweise zivilisiert: Ampeln funktionieren und werden beachtet und in breiten Straßen kann man tatsächlich Fahrspuren im Verkehr erkennen. Das Stadtzentrum, in dem ich heute kurz war, ist aber etwas chaotischer.

Überall gibt es hier Tempel für die verschiedensten Götter. Wie heilig dabei die Kühe tatsächlich sind kann ich noch nicht sagen. Fest steht, bei McDonald’s gibt es anstelle des Big Macs den Chicken Maharaja Mac. Aber obwohl die Kühe auch manchmal von scheinbar unbeteiligten Passanten gefüttert werden, müssen sie sich im herumliegenden Müll das Essen suchen und konkurrieren dabei mit den vielen Straßenhunden.

Merkwürdigerweise habe ich bisher noch kein großes Verlangen gehabt Fotos zu machen, was daran liegen kann, dass mir vieles schon bekannt vorkommt, man einen Gesamteindruck nicht mit einer Kamera festhalten kann, ich zu oft einfach keinen Foto einstecken hatte oder einfach dass ich zu feige bin die Sachen zu fotografieren, die ich gerne fotografieren würde. Den Soldaten zum Beispiel, der sich im Eingangsbereich jeder Metrostation schwerbewaffnet hinter einer Mauer aus Sandsäcken versteckt. Die Angst vor Anschlägen ist hier überall spürbar und was ich nicht für möglich gehalten habe, wird hier praktiziert. Vor jeder Metrofahrt muss man durch einen Metaldetektor und Taschen röntgen lassen, wie am Flughafen, wenn auch weniger streng. Trotzdem schaffen es richtige Massen in die Metro, die aussieht wie jede Metro in Europa und so überhauptnicht zum Rest der Stadt passt. Auf der einzigen Nord-Süd-Linie kann es einem zu Stoßzeiten so vorkommen, als wären gerade Spiele in zwei Cricketstadien gleichzeitig zu Ende gegangen und alle wollen mit der Metro heim. Es ist ein beeindruckendes Schauspiel, wenn ein ohnehin schon voller Zug einfährt, die Masse mit aller Kraft in den Zug drängt, während andere Passagiere versuchen auszusteigen (Die alte Regel “Erstmal rauslassen” gibts hier nicht). In dem Zug, der so vollgepackt ist, wie es ein drängelnder Mob nur schafft, war es für mich trotzdem möglich, über alle Köpfe hinweg beide Enden des ganzen Zuges zu sehen.

Das Überraschendste in Delhi allerdings ist: Keine Sau interessiert sich für mich! Viele Ausländer sind hier nicht zu sehen und deshalb hatte ich schon erwartet allein durch meine Anwesenheit für mehr Aufregung zu sorgen. Aber ich kann einfach so eine Straße entlang gehen und niemand will mir was verkaufen, ich werde wenig angebettelt, Rickschas fahren mir nicht klingelt hinterher weil es ja nicht sein kann, dass ein weißer läuft. Die Inder starren nichtmal! (Bzw. wenn, dann meistens heimlich) Was ist denn da los? Nachdem ich mich in Bangladesch nicht unbeobachtet bewegen konnte, ich in Uganda zu den Hauptattraktionen einer ganzen Kleinstadt gehört habe, bin ich jetzt plötzlich nur einer unter einer Milliarde. Jetzt weiß ich, wie sich Gewinner einer Castingshow im Fernsehen fühlen.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Musik

Kurz vor meinem Abflug war im Dorf Nabwigulu (“Nabuigulu” gesprochen) zum Schuljahresabschluss an der Grundschule “Speech Day”. Glücklicherweise hielten sich die Reden in Grenzen und es ging mehr um Musik und eine große Show.

Schon ein paar Tage vorher habe ich die Erstklässler bei ihren Proben gefilmt

Begonnen wurde der große Tag dann mit einer Parade durch das Dorf. Die Kinder tragen hier die in einem der letzten Blogeinträge beschriebenen Hüte und sind vier ostafrikanischen Ländern zugeteilt. Gratulation an jeden der es schafft, die Kinder zu zählen.

Anschließend hat jede Jahrgangsstufe Lieder gesungen. Hier die 5. Klasse.

Die im Video benutzten Mikrofone funktionieren übrigens generatorbetrieben und sind extra für das Schulfest nach Nabwigulu gebracht worden. Normalerweise gibt es dort keinen Strom. In den letzten Wochen – zufällig (?) kurz vor der Wahl – sind Gerüchte aufgetaucht, dass eine Stromleitung nach Nabwigulu gelegt werden soll.

Teilweise gehörten auch Theatereinlagen zu den Aufführungen, wie hier wo eine Mathestunde nachgestellt wird. Leider, wie ich einmal sehen musste, ist das Stück nicht fiktional.

Nach weiteren Show-Einlagen wurden dann Tänze der vier Länder vorgeführt. Soweit ich mich erinnere ist dieser hier aus Kenia.

In diesem Tanz geht es um die auch in Uganda sehr wichtigen “Witch Doctors”, deren magischen Kräfte auch heute noch als sehr real angesehen werden. Regelmäßiger Kirchenbesuch und beten schützt aber davor, wurde mir versichert. Vielleicht spielt deshalb Religion eine so große Rolle in der ugandischen Gesellschaft, dass daran kaum ein Weg vorbeiführt. Bei Geburtstagen ist es üblich zu beten, teilweise so viel, dass ich mir nicht sicher war, ob ich bei einer Geburtstagsfeier oder einem Gottesdienst war, und die Frage welcher Kirche man angehört, gehört zum Smalltalk wie bei uns das Beschweren über das entweder viel zu kalte oder viel zu warme Wetter. Da in Uganda das Wetter jeden Tag gleich sonnig und warm ist, entfällt dieses Thema für den Smalltalk. Das man religösen Themen nicht ausweichen kann, merkte ich schon beim Busfahren, bei dem manchmal ungefragt ein Prediger seinem Mitteilungsbedürfnis nachkommt, bei einer harmlosen Frage wie “Welches Buch liest du denn da?” oder schon wenn ich mich mit meinem Vornamen vorstellte. Ein üblicher Witz war “Du heißt Thomas? Aber nicht wie der Zweifelnde Thomas, oder? Ha! Ha!” Auf meine Antwort “Doch.” reagierten die sonst so gläubigen Ugander dann ziemlich… ungläubig. Ein Kind, das mich nach meiner Kirche fragte, fand meine Antwort ziemlich “scary”. Zum Glück hatte ich zu dem Zeitpunkt schon ausgiebig Erfahrung damit, Kindern Angst zu machen. Kleinkinder die zum ersten Mal ein weißes Gesicht sehen brechen häufig in Tränen aus. Für mich ist beruhigend ist, dass sie es auch bei anderen weißen tun.

Hier noch ein Tanz, dessen Herkunftsland ich nicht weiß

Wem die Musik gefällt, kann bei Youtube noch mehr Videos sehen, die ich unter dem Benutzernamen Nabwigulups online gestellt habe.

In der Grundschule sind Kinder der Klassen 1 bis 7. Formal ist das ugandische Schulsystem kostenlos, es gibt jedoch Kosten für die Teilnahme an Examen, eine Schuluniform muss für 6.000 Schillinge (etwa 2 Euro) gekauft werden und schon daran scheitert der Schulbesuch häufig. Zumindest in Nabwigulu wird es, wie auf den Fotos zu sehen, damit zum Glück nicht so eng gesehen. Dazu kommt noch die “Feeding Fee”, die pro Halbjahr aus zwei Kilo Mais und einer Mahlgebühr besteht, dafür kriegen die Kinder, deren Familien sich das leisten können, einen Teller mit einem sehr süßen wässrigen Brei. Jeden Tag.

Die Qualität des Schulsystems wird von vielen Ugandern bemängelt, nicht zu Unrecht. Ich habe geholfen die Abschlussexamen der fünften Klasse in Englisch zu korrigieren und wer ein Drittel der Punkte hatte war schon bei den besten Schülern und das obwohl die Fragen nicht schwer waren, erst Recht nicht für Schüler die seit 5 Jahren täglich englisch gelernt haben. Gründe dafür gibt es mehrere. Die Klassen sind unglaublich groß. 170 Schüler in einem Klassenzimmer gelten in Nabwigulu als normal.

Rücksichtnahme auf einzelne Schüler ist da natürlich nicht möglich, schon das Erfassen der Anwesenheit erfolgt nur sporadisch und es fällt nicht auf, dass viele Kinder nicht in die Schule kommen können, zum Beispiel weil sie sich um die kleinen Geschwister kümmern müssen.

Bei den Lehrern sieht es übrigens ähnlich aus und deren Anwesenheit ist nicht selbstverständlich, was bei einem Monatsgehalt von etwa 50 Euro zumindest nachvollziehbar ist. Dem Gehalt entspricht die Ausstattung der Schule. An Bücher ist garnicht zu denken. An weiterführenden Schulen gibt es welche, aber auch nur sehr begrenzt, weshalb der Unterricht im Wesentlichen aus abschreiben und auswendig lernen besteht.

Fast alle Tische und Bänke in Nabwigulu sind als Spende von Plan gekennzeichnet (ohne deren Spende von 500$ das Schulfest garnicht hätte stattfinden können), genauso wie die lustigen Schilder auf dem Schulgelände.




Posted in Uncategorized | Leave a comment

Kognitive Dissonanz

Während mich hier täglich im strahlendem Sonnenschein das Hochsommer-Feeling packt, häufen sich bei Facebook die Berichte über den ersten Schnee. Die beiden widersprüchlichen Informationen führen zu einer gewissen kognitiven Dissonanz. Ein Blick in den Kalender bestätigt: Ohne dass ich es so richtig gemerkt hab, hat sich plötzlich der Dezember herangeschlichen und damit das Ende meines Aufenthalts in Uganda. In nur 4 Tagen mache ich mich auf den Weg nach Hause, wenn auch nicht auf direktem Weg. In der Hoffnung mit zusätzlichem CO2-Ausstoß den Winter in Deutschland noch aufzuhalten fliege ich Umwege über Addis Abeba, Rom, London, Dublin und mache ne Busreise quer durch Irland.

Eine andere Art der kognitiven Dissonanz erlebe ich immer wieder, wenn ich zu lange in meinem Zimmer vor meinem Computer gesessen habe an dem ich schon anfange meine Zeit in Irland und Deutschland zu planen, Flüge nach Indien heraussuche, schaue was mich eine Unterkunft in Südafrika kosten wird und Filme sehe die typischerweise in einer Stadt wie New York City spielen. In meinem Kopf bin ich dann überall auf der Welt.

Es ist ein unwirkliches Gefühl, wenn ich danach einen Schritt vor die Tür gehe, im roten Sand stehe wo Leute auf dem Boden sitzen und über Holzkohle Maiskolben rösten, sehe wie Frauen vor einer Art Garage in der eine ganze Familie lebt Matooke (so nennt man die ugandische Kunst grüne Bananen zu einer weitgehend geschmacksneutralen weichen Masse zu verarbeiten) zubereiten, nackte Kinder mit Fahrradreifen oder auch Glasscherben spielen, Kühe mit Steinen bewerfen oder wenn sie etwas älter sind Wasserkanister auf ihrem Kopf herumtragen und Männer große Kohlesäcke mit verrosteten Fahrrädern transportieren.

Auf einmal bin ich wieder in Afrika.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Der vergessene Kontinent

Während dem WM-Finale im Juli 2010 sind in Uganda Bombenanschläge verübt worden. Hintergrund ist die Beteiligung des Landes am militärischen Einsatz der Afrikanischen Union in Somalia. Darüber wurde auch in den Heute-Nachrichten berichtet. Anschließend gab es im ZDF eine Sondersendung. Aber nicht über die Anschläge, sondern darüber, dass es in Deutschland heiß war. Im Sommer!

Egal wo es auf der Welt Terroranschläge verübt werden – sei es England, Amerika, Indonesien, Spanien, Russland oder Indien – es ist ein riesen Ding in den deutschen Medien. Passiert soetwas in Afrika, reicht es gerade einmal für die Weiteren Meldungen.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Arbeiten in Uganda

Arbeit wird in Uganda anders gesehen, als bei uns. 9-to-5-Jobs und die 40h-Woche haben die Gesellschaft noch nicht so durchdrungen (Dafür bedeuten aber auch Wochenenden für viele nur “Business as usual”). Nach meiner Erfahrung wird eher in Wochen gedacht, als in Tagen. Nicht zufällig gehört zu meinem überschaubaren Lusoga-Vokabular das Wort für langsam, gemächlich: Palampala. Die (regierungskritische) Zeitschrift “The Independent” zitiert dazu eine Regierungsstudie des Ugandan Population Secretariat:

“For every one Kenyan, Uganda has to employ six people to do a job that would be done by one Kenyan and one Tanzanian can do a job that is done by four Ugandans”

In der selben Ausgabe der Zeitschrift ist übrigens ein kurzer Bericht über Chinesen, die ein fünfzehnstöckiges Hotel in 6 Tagen gebaut haben.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Mikrokredite

Ich bin nach Uganda gekommen, in erster Linie mit dem Ziel mit Mikrokrediten zu arbeiten und am Dienstag habe ich welche ausgezahlt.

Von dem 1,4 Mio Ugandische Schillinge (450 Euro) umfassenden Budget, haben wir 200.000 vorerst zurückgelegt um später wenn nötig Spielraum zu haben. Den Rest haben wir unter 4 Gruppen mit insgesamt 18 Mitgliedern aufgeteilt. Die Organisation für die ich arbeite, ist eine die nur mit Frauen arbeitet, deshalb sind alle Gruppenmitglieder weiblich. Weil sie alle Bäuerinnen sind, werden die Gruppen das Geld in Tiere investieren (wobei es ihnen freisteht in etwas anderes zu investieren), die sie vermehren, großziehen und zum Teil verkaufen, sodass sie den Kredit spätestens nach einem Jahr zurückzahlen können.

Bei den Kreditnehmerinnen handelt es sich ausschließlich um Frauen aus dem Dorf Buwanume, nur wenige Fahrradminuten von Kamuli entfernt. Am Anfang meines Aufenthalts hier, habe ich sie nach ihrem monatlichen Familieneinkommen gefragt. Die meisten schätzten es auf etwa 12.000 Schillinge. Zum Vergleich: So viel gebe ich manchmal schon vorm Frühstück aus.

Der Auszahlung des Kredits vorausgegangen sind zwei “Business Trainings”, in denen ich wirtschaftliche Grundlagen erklärt habe. Themen waren Nachhaltiges Investieren, einfache Buchführung, Aufstellen eines Business Plans, Preise (Angebot und Nachfrage), wie man durch Zusammenarbeit Vorteile bekommen kann und natürlich der Kredit an sich, was wir von ihnen verlangen und warum wir Zinsen nehmen. Immerhin 2% pro Monat (knapp 27% im Jahr). Das relativiert sich, wenn man bedenkt, dass Uganda 2009 die weltweit sechzehnt höchste Inflation hatte und in einer Zeit in der die meisten Länder kurz vor einer Deflation stehen, sein Geld um Satte 13,1% entwertet hat. Tendenz steigend. Dann müssen die Zinsen auch noch das Kreditausfallrisiko decken (was wir bestenfalls über den Daumen peilen können. Da der persönliche Kontakt zu den Frauen eng ist und im Dorf jeder jeden kennt, gehen wir davn aus, dass sie zumindest zurückzahlen wollen) und wenn dann noch ein Gewinn übrig bleibt können wir nächstes Jahr einen höheren Kredit oder einen Kredit an mehr Frauen ausgeben. Unterstützung hatte ich dabei von Joseph, der für mich alles in Lusoga übersetzt hat und selbst noch Frauen- und Kinderrechte thematisiert hat.

Das Interesse an Mikrokrediten ist sehr hoch. Wenn ich in anderen Dörfern erzähle was ich mache, kriegen die Leute dort immer große Augen und fragen mich, wie sie denn da mitmachen können.

Ich bin gespannt, wie das Projekt weiterläuft.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Political Education

Heute war ich in Nabwigulu, einem Dorf unweit von Kamuli in dem es wie in allen Dörfern hier keinen Strom gibt, um den Lehrern einer Grundschule den Blog ihrer kanadischen Partnerschule zu zeigen, dessen Einträge sie sonst nur in gedruckter Form kennen.

Im “Lehrerzimmer” (“Teacher’s shade”, wie es an manchen Schulen genannt wird, trifft es besser) half ich dann einem der Lehrer dabei Papierhüte für eine kommende Schulfeier zu basteln. Etwas verdutzt war ich da schon, immerhin ist das ja eine klassische Aufgabe für die Kinder einer Grundschule, die hier sonst auch alle anfallende Arbeit erledigen. Stühle bringen, weggewehte Blätter der Lehrer aufheben, Holz hacken, Gartenarbeit, Wasser pumpen und -schleppen. Ich war mir sicher in Umgekehrtland zu sein. Doch das die Hüte nicht von Kindern selbst gemacht wurden hat einen einfachen Grund. Die Schule mit 7 Klassenzimmern und über 1000 Schülern hat nur eine Schere.

Schulkinder in Nabwigulu

Beim Gespräch beim Mittagessen mit den Lehrern fragte mich eine von ihnen, ob ich denn mit einer Waffe umgehen könne. Sie habe gehört, in Deutschland könne das jedes Kind. Nach einem Crashkurs in deutschem Waffenrecht wollte ich dasselbe von ihr wissen und sie bejahte, eine Waffe bedienen zu können. “Where did you learn this?”, fragte ich. Sie antwortete: “Political Education”.

Auch wenn die Sache etwas komplizierter ist (Es geht wohl auf die Zeit von Idi Amin zurück und die daher kommende Angst vor allen bewaffneten Menschen, auch oder gerade vor Polizei und Militär, die mit diesem Training abgebaut werden sollte), ist dies bezeichnend für die in Uganda herrschende “Demokratie”. Uganda wird von der Nationalen Widerstandsbewegung (NRM) regiert, hat seit 24 Jahren mit Museveni den selben Präsidenten und erst seit kurzem sind Oppositionsparteien zugelassen. Es ist wohl so, dass immernoch Menschen verschwinden, wenn auch bei weitem nicht in dem Ausmaß wie früher. In meinem Hotelzimmer in Nairobi war an der Tür ein Grafiti zu lesen: “His Excellency the silent killer: Y. K. Museveni”.

His Excellency the silent killer Y. K. Museveni

Die Presse scheint einigermaßen frei zu sein, die Regierungspartei wird häufig von den Medien kritisiert, auch beim im Fernsehen übertragenen Parteitag wurde offen über verschwundene Parteigelder gesprochen und in den Nachrichten wird darüber spekuliert, ob es nach den Wahlen im Januar zu einer Koalitionsregierung kommt.

Wahlplakate von Parteilosen in Namasagali

Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass das nicht passieren wird. Zum einen, weil die NRM eine große Marketingmaschine betreibt: Wahlplakate der NRM sind omnipräsent, während andere Parteien quasi unsichtbar sind und viele Leute laufen in gelben NRM-T-Shirts herum, ohne Parteimitglied zu sein, weil unzerissene T-Shirts hier Mangelware sind (Man kann zwar T-Shirts aus westlichen Kleidersammlungen kaufen – Neuware ist in Kamuli die Ausnahme – aber auch die sind für viele Menschen hier zu teuer). Zum anderen nutzt die Regierung ihre legislativen Möglichkeiten um einen Machtwechsel zu verhindern. So gab es einen Gesetzesvorschlag der Regierung, der das Versammlungsrecht erheblich einschränken sollte in dem z.B. von der Polizei das Thema jeder Versammlung genehmigt werden muss und Radiostationen dürfen am Tag der Wahl keine Ergebnisse der einzelnen Wahlbüros veröffentlichen, sondern nur das Endergebnis des Wahlleiters.

Immer wenn ich an einem der Wahlplakate vorbeilaufe muss ich an die Simpsons-Folge denken, in der die Familie nach Tansania fliegt und im Landeanflug gibt die Stewardess durch, wie sich der Name des Landes mehrfach ändert. Erst wird aus Tansania “Neu Sansibar” und schließlich “Pepsi präsentiert Neu Sansibar”

Posted in Uncategorized | Leave a comment

What?

Ich komme mit den Ugandern eigentlich sehr gut klar. Sie haben eine sehr offene und entspannte Art im Umgang. Es gibt aber auch eine Dinge an ihrem Verhalten, die eine … erm… “kulturelle Herausforderung” darstellen. Und damit meine ich nicht nur, dass die ugandischen Männer gerne mit Männern Händchen halten – als Europäer findet man sich darum immer wieder dabei wieder, wie man nach einem Handschlag darum kämpfen muss, seine Hand wiederzubekommen – sondern schon ein einfaches Gespräch:

Wenn ein Ugander was tut? Wenn er redet. Dann tut er unglaublich häufig was? Er stellt was? Die rhetorische Frage “What?”. Mitten im was? Im Satz. Das macht es was? Anstrengend zuzuhören. Und viel zu häufig tu ich was nicht? Merken, dass die Frage was ist? rhetorisch. Und versuche was? Zu antworten.

Wenn etwas möglich ist, wird es in Uganda gemacht. Punkt. Wo man mit einem Auto hinfahren kann, wird mit dem Auto hingefahren. Und wenn man laute Boxen hat, dann dreht man die voll auf. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, Nachbarn hin oder her. So werde ich jeden Morgen, wenn nicht von den Tieren in meinem Hof, dann vom nahegelegenen Kino (ein kleiner Fernseher in einer kleinen Hütte mit großen Boxen) geweckt, wo das Programm oft schon vor 8 losgeht. Ich wohne allerdings weit genug weg um es erträglich zu finden. Außer bei einem Stromausfall, wenn ich nach über 24 Stunden ohne Strom zu Hause im dunkeln sitze, reibt das generatorbetriebene Kino der ganzen Nachbarschaft unter die Nase, dass es dort Strom gibt und bei uns nicht.

Vielleicht muss der Ton in diesem Kino so laut sein, um die ganzen klingelnden Telefone zu übertönen. Denn vor den Filmen laufen dort keine Handy-ausschalten-Spots. Ich bezweifle mittlerweile sogar ernsthaft ob Telefone in Uganda überhaupt ausschaltbar ausgeliefert werden. Auch ist den Ugandern unbekannt, wie man eingehende Gespräche wegdrückt. Jedes Gespräch wird angenommen. Immer. Wenn man versucht ein ernsthaftes Gespräch zu führen, wenn man ein (erwachsener) Besucher in einer Schulstunde ist, wenn man vor einer Gruppe von Menschen spricht und auch wenn man nur wenige Meter vor einem Grab steht, das gerade neu belegt wird.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Nairobi

In zwölf Stunden kann man einen fernen Kontinent bereisen, 144 Fünf-Minuten-Eier hintereinander kochen, die 127 Kilometer zwischen Dhaka und Khulna im Reisebus zurücklegen, die Herr-der-Ringe-Trilogie schauen oder eine Fahrt von Kamuli nach Nairobi unternehmen. Am Freitag habe ich mich für letzteres entschieden. Joseph arbeitet als Freiwilliger für WIP und macht sein Geld durch den Einkauf von Anzügen in Nairobi und den Verkauf in Uganda. Bei seiner Einkaufstour habe ich ihn begleitet. Für mehr als einen ersten Eindruck von der Stadt hat es natürlich nicht gereicht und vom restlichen Kenia habe ich durch die Nachtfahrten im Bus leider nichts gesehen. Der Eindruck, den ich von Nairobi habe ist sehr unterschiedlich. Drei Stadtviertel habe ich gesehen, von denen eins das geschäftige “Business Center” der Stadt war, in dem man eine breite Mittelschicht und auch lokale Fast-Food-Ketten sehen konnte, ein anderer Stadtteil sah aus wie ein ärmeres Viertel im generell armen Dhaka (mangels anderer Entwicklungsländer die ich kenne, vergleiche ich hier in Afrika automatisch alles mit Bangladesch) und hatte auffallend viele komplett verschleierte Frauen, von denen ich in den anderen beiden Stadtteilen keine einzige gesehen hab. Der dritte Stadtteil war das Nobelviertel der Stadt mit einem Einkaufszentrum, das alle die ich in Europa kenne alt aussehen lässt und Preisen, die vermutlich sogar in London als hoch angesehen würden.
Bei dem Wochenendtrip hat sich übrigens auch wieder gezeigt, wie schnell Taschenkontrollen vorbei sind, wenn der Kontrolleur beim Öffnen zunächst auf die dreckige Wäsche der Vortage und das noch nicht getrocknete Handtuch der Morgendusche trifft.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Meine Arbeit

Ich habe mal etwas über meine Zukunft recherchiert und insbesondere seit der Wirtschaftskrise besteht laut Medien kein Zweifel mehr: Durch mein BWL-Studium ist mein zukünftiges Leben jetzt schon vorgezeichnet: Ich werde einmal ein gieriger Manager, überlege mir jeden Tag neu, wen ich entlassen kann, gehe für meinen Jahresbonus über Leichen und repräsentiere das pure Böse. Weil das aber schlecht für die PR meines zukünftigen Arbeitgebers ist, muss ich für die Öffentlichkeit auch auf etwas Gutes verweisen können.
Außerdem sagen die Karrieremagazine an meiner Fakultät, dass es gut für die Karriere ist und man dadurch mal mehr verdient, wenn man in seinem Lebenslauf einen Auslandsaufenthalt und Arbeit für eine NGO stehen hat [*].

Deshalb bin ich hier. Irgendwo in Afrika.

Etwas enttäuscht war ich schon, als ich gemerkt habe, dass ich mein Ziel ganz groß ins Mikrokreditgeschäft einzusteigen hier nicht umsetzen kann. Die Kredite die bisher ausgegeben wurden – in Form von Tieren – haben sich noch nicht vermehrt, sodass es davon noch keine Rückzahlungen gibt und für neue Kredite fehlt uns einfach das Geld. Deshalb bestand meine Arbeit – bei der ich mich über mangelnde Freizeit  überhaupt nicht beschweren kann – bisher in erster Linie darin, eine Bestandsaufnahme der laufenden Kredite zu machen – wie viele Tiere gestorben sind, ob der Kredit voraussichtlich pünktlich zurückgezahlt werden kann – und darauf basierend passende Stiftungen anzuschreiben. Um eine Chance auf Geld zu bekommen, muss man die Briefe jedes mal fast komplett neu schreiben und auf die jeweiligen Organisationen zuschneiden. Das wird schon nach ein paar Briefen recht anstrengend und monoton, weshalb ich mich dann nach Möglichkeiten umgesehen habe, den Leuten im Dorf mit etwas zu helfen, das nichts kostet.

Der Vorschlag an die Bäuerinnen ihr Einkommen zu erhöhen indem sie bei der Produktion oder beim Verkauf zusammenzuarbeiten, war in der Theorie recht einfach. Ihnen fehlt die Möglichkeit ihre Waren in Kamuli anzubieten, wo sie bessere Preise erreichen könnten und keine Zwischenhändler bezahlen müssten. Würden die Familien ihre Waren zusammen verkaufen, würde sich der Transport in die Stadt lohnen, ein gemeinsamer Verkauf würde ihre finanzielle Situation also verbessern. In der Praxis stößt dieser Vorschlag auf ein komplexes soziales Netz und viel Misstrauen, weil man dabei die gegenseitige Kontrolle über den tatsächlich erzielten Marktpreis schwierig ist und auch hier bei Geld die Freundschaft aufhört.

Einfach zu durchschauen ist das soziale Netz hier sowieso nicht, weil mit dem Begriff “Freund” hier sehr Web-2.0-mäßig, also inflationär, umgegangen wird. Dazu kommt, dass viele ugandische Sprachen kein Wort für Cousin oder Cousine haben, sondern dafür die Wörter Bruder und Schwester benutzen.

Als nächstes werde ich mich an einem Business Training versuchen, weil das mit recht wenig Geld machbar ist und es im Dorf wohl schon am Verständnis über einfache wirtschaftliche Zusammenhänge scheitert und dass wissen über Malaria und HIV auch aufgefrischt werden sollte. Ziel ist das wenige Geld das zur Verfügung steht besser zu nutzen und Ausfälle durch Krankheiten zu verringern.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie das läuft, wenn “book smart” auf “street smart” trifft. Die Frauen haben etliche Jahrzehnte Erfahrung mit dem was sie machen und ich verfüge neben einem ausgeprägten Bullshit-Bingo-Vokabular gerade mal über die Fähigkeit mit geratenen oder bestenfalls grob geschätzten Parametern Ergebnisse auf die dritte Stelle hinterm Komma exakt zu berechnen. Mein Uniwissen über Gemeinkostenzuschlagssatzberechnungen, geometrisch-degressive Abschreibungsmethoden, Corporate Citizenship und Monopolpreisbildung bei gegebenen Nutzen- und Produktionsfunktionen wirkt hier noch nutzloser als in meinen Vorlesungen. Damals, vor langer Zeit, als ich noch Student war.

[*] Das steht da wirklich

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Unterwegs mit dem Uganda Red Cross

Am Wochenende bin ich zum ersten mal aus Kamuli rausgefahren und war in Jinja, dem nächsten Ort der die Bezeichnung Stadt verdient. Um dort hinzukommen muss man nur bereit sein, 3000 Schillinge (1 Euo) zu investieren und sich mit 17 anderen Leuten eine Stunde lang in einen Kleinbus von der Größe eines VW-Busses zu setzen.

Joseph, ein Ugander (endlich habe ich mal nachgeschaut, wie Leute aus Uganda heißen), hat mir dann in das Nachtleben von Jinja und dessen Touristenattraktionen gezeigt. Beliebt sind Playbackshows bei denen mal mit mehr, mal mit weniger Talent auf einer Bühne zu aktuellen afrikanischen Hits mitgesungen wird, wobei es darauf ankommt, eine möglichst große Show zu machen. Unterbrochen wird das Programm von offensichtlich sehr unterhaltsamen Comedyeinlagen. An einem Abend fand ich mich dabei wieder, wie ich in einer Kneipe fast ausschließlich mit Indern Cricket schaute. So hatte ich mir Uganda nicht vorgestellt.

Tagsüber habe ich mich dann mit Joseph und einer Amerikanerin – die nach einem 9-tägigen Aufenthalt in Uganda beschlossen hat hierher zu ziehen – unter die Touristen gemischt… naja, soweit das möglich ist. Denn viele Touristen unter die man sich mischen kann gibt es nicht, obwohl die Gegend schon einigermaßen touristisch erschlossen ist. So habe ich mir dann unter anderem die Quelle des Weißen Nils angeschaut und ein paar kleinere Wasserfälle. Auch unter den Touristen waren weiße selten, die Mehrheit waren Afrikaner und Asiaten.

Lustig ist es heute geworden, als ich mich plötzlich vor etwa 60 Neuntklässlern in einem kleinen Klassenzimmer stand und erklären sollte, wann man eine Erektion bekommt.
In meinem Stammresturant, das ich als Büro nutze um weder zu Hause an meinem Computer zu arbeiten noch mit dem Fahrrad raus aufs Dorf fahren zu müssen, habe ich zwei Dänen in meinem Alter kennengelernt, die hier mit dem ugandischen Roten Kreuz durch die Schulen ziehen und für Aufklärung sorgen. Obwohl die Gesellschaft relativ liberal zu sein scheint und offen mit dem Thema Sex umgeht, wissen viele Schüler auch in der neunten Klasse nicht, wofür Gechlechtsorgane gut sind. Am Nachmittag bin ich dann mit dem Roten Kreuz in die Schule gegangen und habe die Dänin mit zwei Ugandern bei ihrer Unterrichtseinheit als ganz unbeteiligter Zuschauer begleitet. So dachte ich jedenfalls. Vor der Aufforderung der Schüler doch bitte über die männliche Erektion zu reden, war ich dann aber nicht sicher. Wenigstens habe ich für etwas Unterhaltung gesorgt (nicht dass das nötlg gewesen wäre) und Applaus erhalten.

Fotos folgen.

Posted in Uncategorized | Leave a comment